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In Deutschland wird gerne operiert. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala sind Operationen an den Gelenken – der medizinischen Ersatzteilindustrie sei Dank, ist es heute schon fast „in“ ein künstliche Hüfte, eine Schulter oder ein Kniegelenk aus Edelstahl und Titan sein Eigen nennen zu können. Doch allem Fortschritt zum Trotz: lustig ist der Verlust eines Gelenkes nicht. Und dabei könnte man diese Operationen recht einfach vermeiden. Neueste Erkenntnisse zeigen, warum die Gelenke überhaupt mit der Zeit zerschrubbt werden.

Schmerzen in den Gelenken gehören zu den häufigsten Einschränkungen der Gesundheit in der heutigen Gesellschaft. Dabei sind fast alle Gelenke gleichermaßen häufig betroffen. Beim Einen ist es die Schulter, beim Anderen das Knie, manchmal das Handgelenkt, sehr oft der Rücken und die Hüfte. Der Rücken? Ja, genau, denn die Wirbelsäule ist eine Aneinanderkettung von 24 Gelenken, die alle Wirbel vom Becken bis zum Schädel verbinden. Und zwischen allen (Außer  C1 und C2) liegt eine Bandscheibe.

Diese Schmerzen sind oft sehr hartnäckig und für die Betroffenen sehr belastend. Sie schränken den Alltag oftmals massiv ein und kaum eine herkömmliche Therapie bringt dauerhaft Erleichertung. Meist behilft man sich mit Spritzen und Schmerzmitteln. Sehr leicht entwickeln sich aus anfänglich nur ab und zu auftretenden Schmerzen chronische Leiden, also dauerhafte Schmerzen. Viele Betroffene entwickeln dann eine regelrechte Panik vor Wetterumschwüngen oder Zugluft, da diese Phänomene meistens sofort die Schmerzen verstärken. Sportlich aktive Menschen sind oftmals ebenso betroffen wie die Faulpelze, doch meistens unterscheiden sich die Stellen, an denen es weh tut. Läufer und Fußballer haben es meistens in der Hüfte, den Knien oder der Lendenwirbelsäule, die Schreibtischtäter und Bewegungsmuffel hingegen oft im gesamten Rücken und der Halswirbelsäule und die Menschen, die mit ihren Händen arbeiten, kriegen es mit den Handgelenken und der Schulter zu tun. Und wer ein bisschen von allem ist, der zieht in der Regel irgendein Los aus der Schmerzlotterie – alles kann weh tun.
Irgendwann ist es dann soweit. Nach endlosen Jahren der gelegentlichen Besuche beim Physiotherapeuten, beim Osteopaten oder beim Orthopäden, nach vielen Schmerztabletten und regelmäßigen Spritzen mit Cortison und anderen Drogen findet man sich plötzlich in „der Röhre“ wieder. Und wenn man schon mal in „die Röhre“ muss, dann verheißt dies meist nichts Gutes. Allzu oft kommt man wieder raus mit einer vernichtenden Diagnose: Arthrose. Die Gelenke sind abgeschubbert, der Knorpel weggewetzt und die Bandscheiben nur noch wenige Millimeter dick. Jetzt weiß man wenigstens, warum es die ganze Zeit so weh getan hat, aber der Weg unters Messer ist dann vorgezeichnet.
Wenn der Knorpel restlos weggeschrubbt ist, dann ist ein Gelenk für immer verloren. Der Weg zum Zubehörhandel ist dann unumgänglich und ein schickes Titangelenk nicht mehr zu vermeiden. Doch solange der Knorpel im Gelenk noch einen ausreichenden Rest an Funktionalität aufweisen kann, ist der Krieg noch nicht verloren. Denn es gilt einen Irrtum aufzuklären, der viele Jahre lang als Stand des Wissens galt und sich erst langsam als Falschinformation herum spricht: Knorpel kann vom Körper sehr wohl ersetzt und wieder aufgebaut werden – solange er die Möglichkeit dazu hat.

Was ist Knorpel überhaupt? Knorpel ist eine sensationelle Substanz. Sie ist elastisch aber trotzdem stabil und sie hat zwei Funktionen im Gelenk: einerseits die Dämpfung und andererseits die Verringerung der Reibung.
Knorpel ummantelt die Knochen genau an den Stellen, an denen sie sich im Gelenk berühren. Wird das Gelenk bewegt, so rutschen die Knorpelflächen aufeinander herum und sorgen für eine möglichst geringe Reibung. Gleichzeitig dämpfen sie Stöße ins Gelenk durch ihre Zähigkeit und Elastizität ab. Knorpel ist jedoch bei aller Stabilität viel zu weich, um ein Leben lang zu halten.  Knorpel ist allein aufgrund seiner physiologischen Platzierung im Körper – als Dämpf- und Reibungspunkt an den mechanisch maximal belasteten Stellen des Körpers – von der Natur als klassisches Verschleißteil konzipiert. Knorpel verschleißen bei jeder Bewegung und das ist von der Natur durchaus so vorgesehen.

Die Aussage, dass Gelenke „mit der Zeit einfach verschleißen“ ist aber dennoch nur bedingt richtig. Denn auch bei einem Auto gibt es Verschleißteile.  Aber ein Auto ist so konzipiert, dass es nicht als Ganzes auf den Schrott muss, nur weil irgendwo ein Dichtungsring oder ein Keilriemen verschlissen ist. Ebenso wenig ist es für den Körper ein Problem, den unter hohen Verschleißkräften arbeitenden Knorpel zu ersetzen.
Knorpel ist eine lebendige Struktur, die ebenso wie jeder andere Körperteil auf- und wieder abgebaut werden kann. Selbst Knochen können vom Körper bei Belastung verstärkt oder bei weniger Belastung abgebaut werden. Allein die Theorie, ein Knorpel könne vom Körper nicht repariert werden, ist nichts weiter als grandioser Mumpitz. Wer so etwas behauptet, von dem sollte man sich tunlichst keinen medizinischen Rat holen, es könnte lebensgefährlich sein. Selbstverständlich baut der Körper verschleißenden Knorpel permanent wieder auf, und zwar täglich und ein Leben lang.

Doch halt – wenn der Knorpel vom Körper ja angeblich so problemlos repariert werden kann, warum verschleißt er dann bei vielen Menschen his hin zur völligen Zerstörung? Diese Frage kann man nur beantworten, wenn man sich das Gelenk und das Funktionsprinzip des Knorpelstoffwechsels genauer ansieht.

Ein Gelenk besteht aus mindestens zwei Knochen, die an einer bestimmten Kontaktfäche aneinander reiben, um die Knochen bewegen zu können. Die Kontaktflächen sind mit Knorpel überzogen und zwischen den Kontaktflächen gibt es einen winzigen Spalt, den so genannten Synovialspalt. Um das Gelenk ist eine Membran gespannt, die Synovialmembran, die mehrere Schichten haben kann. Innerhalb dieser Kapsel, der Gelenk-Kapsel befindet sich die Synovia, die Gelenkflüssigkeit. Diese Flüssigkeit wird vom Körper immer wieder erneuert und sie dient zwei Zwecken: sie funktioniert wie eine art hydraulische Dämpfung für Stöße und Drücke ins Gelenk, und, noch viel wichtiger, sie enthält Nährstoffe für den Knorpel. Die Ernährung des Knorpels passiert dabei ausschließlich passiv. Wie bei einem Schwamm mit mikroskopisch kleinen Poren wird der Knorpel bei jedem Druck ins Gelenk ausgepresst und bei jeder Entlastung saugt er sich wieder mit frischer Synovia voll. Durch das Wechselspiel aus Kompression und Entlastung findet ein permanenter Flüssigkeitsaustausch statt, durch den Abfallprodukte des Knorpelstoffwechsels entsorgt und Nährstoffe zugeführt werden.

Dieser Vorgang ist lebenswichtig für das Gelenk. Und dieser Vorgang muss optimal ablaufen, damit er funktionieren kann. Doch bei den meisten Menschen funktioniert dieser Prozess nicht optimal, weil er durch bestimmte Faktoren gestört bzw. unterbunden wird.

Die beiden wichtigsten Faktoren für die optimale Versorgung des Knorpels und damit seiner lebenslangen Funktion und Aufrechterhaltung sind Bewegung und Muskulatur.

Es gibt zwei Möglichkeiten, den Knorpel von seinem Stoffwechsel abzuschneiden und seine lebenslange Regenerationsfähigkeit zu unterbinden. Die erste liegt nahe: man stellt das Gelenk ruhig. Findet im Gelenk keine Bewegung statt – zumindest keine ausreichnde Bewegung mit genug Kompression und Entlastung, so kann sich der Knorpel auch nicht mehr ernähren. Der Knorpel ernährt sich rein passiv. Wird nicht regelmäßig verbrauchte Synovia aus ihm heraus gepresst und frische Gelenkflüssigkeit in ihn hinein gesaugt, so verhungert er innerlich. An Knorpelerneuerung ist dann nicht mehr zu denken. Jede unbenutzte Struktur im Körper degeneriert langsam aber sicher. Deswegen können Gelenke verschleißen, obwohl sich der Patient niemals sonderlich viel bewegt hat, wohingegen bei anderen Menschen, die regelmäßig und viel Sport getrieben haben und das Gelenk täglich intensiv beansprucht wurde das Gelenk nicht verschleißt. Das Ausmaß des Verschleißes ist unabhängig von der Menge an Bewegung, sondern hängt nur davon ab, unter welchen Umständen das Gelenk bewegt wird. Wird ein Gelenk nur sehr selten über seinen vollen Bewegungsspielraum ewegt, so findet auch nur selten eine Ernährung statt. Schlimmer noch: durch den Stoffwechsel des Knorpels bilden sich Abfallprodukte. Werden diese Abfallprodukte nicht regelmäßig und permanent entsorgt, so können sie sich ansammeln und sogar auskristallisieren.  Auch die Nährstoffe in der Synovia selbst können sich bei längerem Stillstand zu kleinen Kristallen verwandeln. Aminosäuren oder Mineralsalze können mitten im Gelenk zu mikroskopisch kleinen Krümeln werden. Wird dann das Gelenk bewegt, so wirkt dies wie der buchstäbliche Sand im Getriebe. Die auskristallisierten Stoffwechselprodukte schleifen den Knorpel dann in in kürzester Zeit ab. Also ist zu wenig Bewegung ein Problem. Was rastet, das rostet – das gilt für den Bewegungsapparat am stärksten.

Der zweite – und fast noch wichtigese Part betrifft die Muskulatur. Das Problem der Knorpelernährung bei bewegungsfaulen Menschen haben wir bereits erkannt. Doch warum brauchen dann auch viele Sportler, zum Beispiel begeisterte Hobby-Fußballer und Läufer oftmals eine künstliche Hüfte oder ein Kniegelenk aus Edelstahl, Titan und Plastik? Bei ihnen findet doch genug Bewegung statt? Genug Bewegung ja, aber unter schlechten Bedingungen.
Jede Kraftanstrengung des Muskels ist nur dadurch möglich, dass sich der Muskel zusammen zieht. Ein Muskel kann sich nicht selbstständig strecken. Jede aktive Bewegung eines Muskels erfolgt also durch seine Kontraktion, also eine massive Verkürzung. Trainiert man einen Muskel auch nur wenige Augenblicke, so erhöht sich seine innere Muskelspannung und bleibt auch nach dem Training erhöht, denn der Muskel möchte auf weitere Trainingseinheiten vorbereitet bleiben. Er weiß ja nicht, wann und wie plötzlich die nächste Kontraktion von ihm verlangt wird und bleibt somit „in Bereitschaft“. Dies nennt man Restkontraktion. Intensive Muskelbeanspruchung durch Krafttraining, regelmäßiges Laufen oder sogar Laufen mit Sprinteinheiten und plötzlicher explosiver Kraftentfaltung (wie beim Fußball) führt zu einer massiven Kräftigung der gesamten Bein- und Hüftmuskulatur. Aber auch zu einer massiven Verkürzung der gesamten Bein- und Hüftmuskulatur. Doch was passiert, wenn die Muskulatur so stark verkürzt wird? Warum verschleißen dann die Gelenke?

Damit ein Gelenk überhaupt bewegt werden kann, müssen Muskeln über dieses Gelenk verlaufen. Das bedeutet, dass zwei oder mehrere Knochen das Gelenk bilden und ein oder mehrere Muskeln ihren Ursprung am einen Knochen und den Ansatz am anderen Knochen haben.  Wenn nun diese Muskeln sich im Laufe der Zeit durch Training stark verkürzen, was bedeutet dies dann für das Gelenk? Ganz einfach: Die Knochen, die das Gelenk bilden, werden durch die verkürzten Muskeln zueinander gezogen.

Im Fall des Läufers sind dies im Wesentlichen die Hüftbeuger, die großen Oberschenkelmuskeln, die Beinbeuger am hinteren Oberschenkel und der große und ungeheuer starke Gesäßmuskel. All diese Muskeln verlaufen über das Hüftgelenk. Sie haben ihren Ursprung entweder am Becken oder an der Lendenwirbelsäule und setzen am Oberschenkelknochen an. Sind sie verkürzt, so ziehen sie den Oberschenkelknochen Richtung Becken und pressen damit den Gelenkkopf des Oberschenkels direkt in die Gelenkpfanne des Beckenknochens.

Doch was passiert dann mit dem Knorpel? Ganz einfach, er wird erstickt. Der Knorpel wird ernährt durch das Wechselspiel zwischen Druck (Kompression) und Entlastung. So wird der Knorpel ausgepresst und kann sich mit frischer Synovia vollsaugen. Doch unter stark verkürzter Muskelspannung gibt es keine Entlastung, es gibt nur noch Kompression. Die massiv verkürzten und ungeheuer kraftvollen Oberschenkel und Hüftmuskeln knallen den Gelenkkopf so massiv in sein Gegenstück am Becken, dass selbst bei völliger Entlastung des Beins keine Entlastung im Gelenk statt findet. Ohne Entlastung keine Knorpelernährung und ohne Ernährung hat der Knorpel nicht die geringst Chance, sich zu regenerieren. Deswegen glaubte man so lange, dass sich ein Knorpel nicht wieder aufbauen könne: man hat es einfach nie erlebt, weil die Voraussetzungen nicht erkannt wurden.

Die Lösung ist simpel. So simpel, dass man es kaum glauben möchte, aber dennoch extrem wirkungsvoll. Damit Gelenke ein Leben lang einwandfrei funktionieren oder eine bereits beginnende Arthrose gestoppt werden kann, ist es nötig an zwei Stellschrauben zu arbeiten: Erstens muss man dafür sorgen, dass alle Gelenke des Körpers regelmäßig und über den vollen Bewegungsspielraum bewegt werden und zweitens muss man jeglicher Muskelverkürzung durch regelmäßige Dehnung entgegen wirken. Je einseitiger und intensiver das Bewegungsrepertoire jedes Einzelnen ist, desto intensiver muss auch das Dehnprogramm sein.

Laufen ist eine wunderbare Sportart für den ganzen Körper. Man stärkt sein Herz und den Kreislauf und pumpt jede einzelne der über 60 Billionen Zellen des Körpers mit einer Extraportion Sauerstoff voll. Doch Laufen verkürzt auch die Bein- und Hüftmuskulatur aufs Brutalste. Komplett  und gesund ist jegliches Training nur mit beidem: Training und Dehung.