Obwohl viele tausend Kilometer voneinander entfernt, verbindet Waldkirchen mit der amerikanischen Metropole am Ufer des Lake Michigan eine der bedeutendsten Töchter der Stadt. Die Volksdichterin Emerenz Meier, nach der hierzulande viele Strassen benannt sind, sagte 1906 nämlich „Goodbye Deutschland“ und wanderte nach Amerika aus. Glück hatte ihr die Fremde allerdings nicht gebracht, zeitlebens musste sie in Chicago um ihre Existenz kämpfen.

Emerenz Meier wird am 3. Oktober 1874 in Schiefweg bei Waldkirchen im Bayerischen Wald geboren. Die Eltern sind Wirtsleute und Bauern, ohne rechtes Verständnis für den klaren Geist und die Interessen des Kindes. Wirtshausgesellschaft, stille Waldeinsamkeit, Sagen und Geschichten, bescheidene Lebensverhältnisse, Arbeit und die Grossfamilie mit sieben Geschwistern prägen Emerenz. Goethe, Heine, Dante und Homer liest sie im Alter von zehn Jahren, verfasst bald selbst Gedichte und kleine Geschichten aus dem dörflichen Leben, das sie mit wachen Augen beobachtet.

1893 erscheint eine erste Fortsetzungsgeschichte in der Donau-Zeitung, und die frühe Erzählung „Der Juhschroa“ ist bereits eine der eindrucksvollsten Arbeiten von Emerenz Meier. Ihre literarischen Themen kreisen stets um die Orte ihrer Heimat, um eigene Erlebnisse und sonderliche Charaktere. Es sind naturalistische Geschichten voller Lebendigkeit und Melancholie, Schmerz und sehnsüchtiger Hoffnung.

Emerenz Meier wird über Bayern hinaus als schriftstellerisches Naturwunder gefeiert, und Literaten wie Hans Carossa, Heinrich Lautensack, Michael Georg Conrad oder Peter Rosegger stehen in Kontakt mit der Belesenen. Bald folgen Veröffentlichungen im Simplizissimus, Das Bayerland, Die Jugend und die Fliegenden Blätter. Postkarten mit ihrem Portrait und Anhänger für Uhrketten sind im Umlauf, man schmückt sich mit der jungen schönen Dichterin.

Mit Hilfe des Brauereibesitzers Hellmannsberger übernimmt sie 1902 ein Wirtshaus in Passau und will eine Künstlerkneipe etablieren. Das Experiment scheitert. Private Pläne und Hoffnungen zerschlagen sich, das Schreiben bringt wenig Verdienst, der dauerhafte Zugang zur literarischen Welt bleibt ihr versagt. Die Familie verarmt und entschliesst sich – wie so viele aus dem Bayerischen Wald – zur Auswanderung nach Amerika.

Das Ziel ist Chicago, die „Windy City“ am Lake Michigan, die Stadt der Schlachthöfe, die Boomtown mit Wolkenkratzern und Gartenstadt-Anlagen. Dort findet sie eine grosse deutschstämmige Bevölkerung und ihren Mann Joseph Schmoeller, den Auswanderer aus Wotzmannsreuth bei Waldkirchen, mit dem sie 1908 ein Kind bekommt. Nach dem Tod des alkoholkranken Gatten heiratet sie 1910 den Schweden John Lindgren.

Die Hoffnungen auf eine Verbesserung der Lebensverhältnisse erfüllen sich nicht, Emerenz verliert sich im Alltäglichen eines Emigrantenschicksals. Die Quellen ihrer künstlerischen Arbeit bleiben im heimatlichen Bayerischen Wald zurück. 1919 nimmt sie den Kontakt zur alten Heimat wieder auf. In einem regen Briefwechsel mit ihrer Freundin Auguste Unertl spiegeln sich ihre Kritik an den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen in Europa und den USA – aber auch ihre Sehnsucht nach dem Vertrauten im Bayerischen Wald und die Illusion von Heimat. Sie stirbt im Alter von 53 Jahren am 28. Februar 1928 in Chicago.