Wissen ist Macht, sagt der Volksmund, doch ohne das „Machen“ macht Wissen nichts. Gemeint ist damit, dass ohne praktische Umsetzung die blanke Theorie keinen wirklichen Fortschritt bringen kann. Und genau hier setzte Anfang dieses Jahres das Projekt „wissenswerkstatt Passau e.V.“ an.

Die wissenswerkstatt Passau ist eine gemeinsame Bildungsinitiative von Stadt, Landkreis und Universität Passau, den bayerischen Metall- und Elektroarbeitgebern (bayme vbm) sowie ZF am Standort Passau, die die Federführung dieses Projektes innehat. Die Idee der wissenswerkstatt hat aber auch weitere Unternehmen angesprochen und so unterstützen die Unternehmen HATZ und Siemens aus Ruhstorf das Projekt. Die Finanzierung des Projekts ist auf zehn Jahre gesichert, der Löwenanteil kommt dabei von ZF.

In der wissenswerkstatt können Kinder und Jugendliche von acht bis 18 Jahren die Welt der Technik und Naturwissenschaften hautnah erleben und entdecken. Auf einer Fläche von rund 400 Quadratmetern stehen im ehemaligen Postgebäude in der Passauer Bahnhofstraße eine Werkstatt mit Metall- und Holzbearbeitungsmaschinen, EDV sowie Labore für Physik, Elektro- und Steuerungstechnik zur Verfügung. Kinder und Jugendliche erforschen in selbst durchgeführten Versuchen und Experimenten technische Phänomene und Alltagstechnik. Darüber hinaus wird das erworbene Wissen durch handwerkliche Arbeiten in nützliche Produkte umgesetzt.
Das Konzept hinter der wissenswerkstatt: Kinder und Jugendliche aller Schulformen erschließen sich selbstständig handwerkliche und physikalische Zusammenhänge und bekommen so einen besseren Zugang zur Technik. Ziel ist es, bei jungen Menschen zu einem frühen Zeitpunkt das Interesse für Technik und Wissenschaft zu wecken und ihnen langfristig berufliche und persönliche Perspektiven aufzuzeigen. Das Bildungsangebot ist dabei auf das Alter der Teilnehmer von acht bis 18 Jahren zugeschnitten. Unter anderem gibt es Projekte und Experimente zu den Themenbereichen Physik, Fahrzeugtechnik, Biologie, Chemie, Astronomie und Raumfahrt. Die Universität Passau bringt Expertise aus den Bereichen Mathematik und Informatik ein.

In der wissenswerkstatt steht das Selbermachen im Vordergrund. Mit ihrem Kursangebot ist die Einrichtung daher die ideale Ergänzung des schulischen Lehrplans um praktische Inhalte. Kindern und Jugendlichen sollen die Augen geöffnet werden, welche Begeisterung Technik auslösen kann, wenn man selbst daran mitgetüftelt und gebastelt hat. In enger Abstimmung mit den Lehrkräften wird das Vormittags-Kursangebot speziell für Schülerinnen und Schüler je nach Altersstufe, Vorkenntnissen und Schulart zugeschnitten. Die Kurse können von Gruppen mit bis zu 16 Teilnehmern gebucht werden.

Leiter der wissenswerkstatt ist der Technische Betriebswirt Ralf Grützner. Er übernimmt unter anderem die Konzeption der Projekte und Versuchsreihen der Bildungseinrichtung. Er legt großen Wert darauf, die wissenswerkstatt nicht nur oberflächlich,  eventuell nur als „Bastelstube“, zu sehen. Für ihn kommt es darauf an, Kindern und Jugendlichen eine Möglichkeit zu geben ihre Talente zu entdecken und zukünftigen Arbeitgebern die potenziellen Bewerber „als Ganzes“ zu zeigen: „In unserer derzeitigen Berufspraxis beurteilt man Kinder und Jugendliche hauptsächlich anhand ihrer Schulnoten. Dies zeigt jedoch nur einen sehr kleinen Ausschnitt der jeweiligen Persönlichkeit und reduziert die Kinder auf ihre Fähigkeit, sich theoretische Inhalte anzueignen. Technische und handwerkliche Begabungen können so aber nicht bewertet und damit auch nicht erkannt werden. Es kommt bei uns sehr häufig vor, dass Kinder mit nur geringem Interesse an schulischen Inhalten – und entsprechenden Leistungen – geradezu aufblühen, sobald sie etwas mit ihren Händen tun dürfen. Manchen davon ist auf Anhieb großes technisches Potenzial anzumerken und praktisch ausnahmslos alle Kinder verstehen Naturwissenschaften auch in der Theorie besser, sobald sie den praktischen Bezug selbst hergestellt haben, indem sie zum Beispiel einfache technische Geräte selbst nachbauen. Wirkliches Verständnis kommt erst durch Machen. Es ist in der Technik wie bei einem Sprachurlaub: erst durch die praktische Anwendung beginnt Wissen wirklich zu leben!“

Den technischen Nachwuchs zu fördern, sich auf die Suche nach den kleinen Daniel Düsentriebs von morgen zu begeben ist dabei nicht nur eine lobenswerte gesellschaftliche Initiative, sondern für die Arbeitgeber in den Bereichen Technologie und Handwerk eine wichtige Zukunftsaufgabe. Es besteht bereits heute ein deutlich erkennbarer Mangel an technischen Fachkräften und diese Situation droht sich zu verschärfen. Ein Grund dafür könnte darin liegen, so Ralf Grützner, dass die ersten Signale eventueller technischer Begabungen oftmals nicht aufmerksam genug erkannt und gefördert werden: „Wenn ein Kind vielleicht in der Schule nur durchschnittlich ist, versucht man die Noten durch intensiveres Lernen und eventuell sogar Nachhilfe zu verbessern. Wenn das Kind daneben jedoch eigenverantwortlich seine Talente auslebt, indem es zum Beispiel sein Fahrrad selbst reparieren kann, ein Baumhaus baut oder sich um die Haustiere der gebrechlichen alten Nachbarin kümmert, dann wird dies gelegentlich als Zeitverschwendung auf Kosten der Schulnoten gesehen. Dabei zeigt sich hier oft das eigentliche Potenzial für einen Beruf in einer technischen, handwerklichen oder sozialen Richtung. Es ist für uns Eltern und auch für das Bildungssystem wichtig, auf solche Signale zu achten und die Kinder auch besonders in ihren Stärken zu fördern, anstatt sich ausschließlich auf die Schwächen zu konzentrieren. Natürlich soll man Schwächen nicht vernachlässigen und die Kinder dort nicht fallen lassen. Doch es ist erwiesen, dass es sich immer auszahlt, jemanden dort gezielt zu fördern, wo er stark und talentiert ist. Konzentriert man sich nur auf das Ausmerzen von Schwächen, so erreicht man mit hohem Aufwand bestenfalls eine durchschnittliche Leistungsfähigkeit. Fördert man jedoch auch gezielt die Stärken, so kann man mit wenig Aufwand in absolute Spitzenregionen vordringen. Neben der reinen „Leistungsausbeute“ steht aber noch die seelische Gesundheit des Kindes ganz stark im Fokus. Wer seine Talente und Potenziale entfalten und ausleben kann, erfährt Freude und Bestätigung in seinem Tun, wer sich nur mit seinen Schwächen auseinander setzen muss, erlebt häufig Frust. Dies ist die Basis für späteren Burnout. Hier bei uns geht es einfach darum, die Welt der Technik und des Handwerks als möglichen Entfaltungsort für schlummernde Potenziale zu entdecken und damit eine perfekte Ergänzung zu schulischen Inhalten zu schaffen, denn erstens wird durch die praktische Anwendung der Schulstoff im Bereich der Naturwissenschaften und Technologie besser verinnerlicht und zweitens können so Potenziale entdeckt werden, die vorher nicht in Erscheinung treten konnten. Und diese Potenziale werden durch die von uns ausgestellten Zertifikate auch dokumentiert und sollten künftigen Arbeitgebern neben den Schulnoten auch als wichtige Aussage über die tatsächlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten des Bewerbers dienen. Früh im Leben zu wissen, wo die eigenen Stärken liegen, sehe ich als notwendige Basis für ein erfolgreiches Berufsleben. Wenn ein Kind weiß, wo es gut ist, erleichtert das die Entscheidung für den Weg, den es später gehen kann. Wir wollen diese Stärken der Kinder und Jugendlichen herauskitzeln, gezielt fördern und die Weichen für ein erfolgreiches Berufsleben stellen.“

Vorbild für das Konzept in Passau ist die wissenswerkstatt in Friedrichshafen, die 2009 von der ZF Friedrichshafen AG zusammen mit weiteren Partnern ins Leben gerufen wurde. Rund 11.000 Kinder und Jugendliche haben in dieser Zeit die wissenswerkstatt in Friedrichshafen schon besucht (Stand 2012), davon waren rund 40 Prozent Mädchen. Bemerkenswert ist auch eine andere Statistik: Nur etwa die Hälfte aller Besuche werden über die Schule organisiert, 51 Prozent der Kinder und Jugendlichen besuchten die wissenswerkstatt privat und auf freiwilliger Basis. Vormittags steht die wissenswerkstatt Schulbesuchen offen, nachmittags können die Mädchen und Buben das Angebot auf eigene Initiative nutzen. Sie können entweder Kurse belegen oder später auch unter fachkundiger Anleitung eigene Ideen und Projekte z.B. für eine Teilnahme bei Jugend forscht verwirklichen.
Die wissenswerkstatt bietet alle Kurse und Projekte inklusive aller Materialien, Geräte und Maschinen kostenfrei an. Anmeldung und Information im Internet unter:
 www.wiwe-pa.de

»Kinder müssen stärken-orientiert gefördert werden, oder ihre Talente gehen für immer verloren…«

Seit kurzer Zeit hat die „wissenswerkstatt“ in Passau ihre Pforten geöffnet. Eine  Institution, die sich die Entdeckung und Förderung des technischen Nachwuchses in der Region in die Agenda geschrieben hat, aber eigentlich noch weit mehr als das. Ralf Grützner, Leiter der wissenswerkstatt, sieht darin die Chance, Kinder und Jugendliche „als Ganzes sichtbar machen“ zu können…

» Wir wollen durch stärkenorientierte Förderung die Weichen für ein erfolgreiches Berufsleben stellen «

Mit Feuereifer basteln die Kinder an einem selbst gebauten Roboter herum, den sie dann programmieren lernen. Ein eigenständig gefertigter Regelkreis, an dem das Prinzip der automatischen Temperaturregelung veranschaulicht wird. Durch selbst Machen kommt das Verständnis.

Gespannt lauschen die Kinder dem Werkstattmeister Christian Eder, der die Gruppe in die Grundbegriffen der Robotik einführt. Bemerkenswert ist die hohe Konzentration der Kinder trotz des „trockenen“ Stoffs durch die Faszination der Technik. Die technische Ausstattung der wissenswerkstatt Passau ist beeindruckend.

Zum Vorstand der wissenswerkstatt gehören als Vorsitzender Dr. Manfred Schwab, ehemaliger Vorsitzender der Geschäftsführung ZF Passau (Bildmitte), sowie Manfred Reichenstetter, ehemaliger Geschäftsführer ZF Passau, als stellvertretender Vorsitzender und Schatzmeister (links). Weitere Vorstandsmitglieder sind: Dr. Jutta Krogull, Geschäftsführerin der bayme vbm Geschäftsstelle Niederbayern (Bildmitte), Regierungsdirektor Klaus Froschhammer vom Landratsamt Passau (zweiter von links), Werner Lang, Leiter des Referats für Wirtschaft, Marketing und Arbeit bei der Stadt Passau (rechts im Bild), sowie 
Gernot Hein, Leiter Marketing und Kommunikation bei ZF (zweiter von rechts).