Wie uns die gefährliche Sucht nach dem süßen Kitzel krank und abhängig macht und welche gefahren von der tödlichsten Droge unserer Zeit ausgehen

Sie macht erwiesenermaßen süchtig, sie greift die Leber an wie Alkohol, bringt den Stoffwechsel aus dem Tritt und ist verantwortlich dafür, dass sich derzeit mehr als sechs Millionen Menschen allein in Deutschland nur mit schwerem, täglichem Medikamenteneinsatz am Leben erhalten können. Sie wird diese Zahl in den nächsten zehn Jahren wohl verdoppeln und in der Zwischenzeit wohl weitere Millionen von Menschen an den Folgen ihres Konsums jämmerlich krepieren lassen. Diese Droge ist ein Genussmittel, dem die meisten Menschen schon verfallen sind und täglich werden es mehr. Sie ist weit gefährlicher als Alkohol und Nikotin zusammen und allein im letzten Jahr sind mehr Menschen an den Folgen ihres Konsums gestorben, als es seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen an allen anderen „harten Drogen“ zusammen Drogentote zu beklagen gab. Die Rede ist von der Substanz C12H22O11: Zucker – rein statistisch betrachtet, die tödlichste Droge von allen.
Wer diese Einleitung als übertriebene Panikmache abtut, der hat den „Schuss“ offenbar noch nicht gehört. Oder er will ihn nicht hören. Zwei Drittel, also mehr als 65%, aller Deutschen sind zu fett. Jeder Fünf te sogar, also gute 16 Millionen Deutsche gelten als krankhaft fettleibig. Übergewicht und dessen Folgen sind mittlerweile Krankheits- und Todesursache Nummer eins in Deutschland. Die Zahl der Diabetiker liegt hierzulande bei etwa sechs Millionen, Tendenz stark steigend. Bis 2022 werden es locker 12 Millionen sein. Bereits Kinder erkranken an Diabetes mellitus Typ 2, Altersdiabetes. Und Übergewicht fördert die Entstehung bösartiger Tumore. Dickdarm- und Brustkrebs zum Beispiel blühen bei Übergewichtigen so richtig auf. Die Deutschen fressen sich buchstäblich zu Tode. Aber sie sind mit diesem Problem nicht allein. Die fetteste Nation der Erde ist die USA. Das Mutterland des Übergewichts, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten permanent zu essen, hat mit dem Problem zu kämpfen, dass sein Gesundheitssystem irgendwann in den nächsten acht bis 12 Jahren vollständig kollabieren wird. Die Ausgaben für die Behandlung des Übergewichts und seinen Folgen – Herzinfarkt, Diabetes und Krebs – sprengen die finanziellen Möglichkeiten jedes Systems. Auch in Deutschland sieht man diesem Finanzkollaps ins Auge, bislang machtlos.

Wie konnte es nur soweit kommen? Warum werden wir seit etwa 50 Jahren immer dicker und dicker? Die am häufigsten genannte Ursache macht sich die Erklärung sehr einfach: wir essen zuviel und bewegen uns zu wenig. Wir sind ein Haufen verfressener Faulpelze, fertig. Seit Jahrzehnten predigen es die Gesundheitsexperte, Ärzte und Politiker: weniger Kalorien, mehr Sport. Vergeblich. Wir werden immer dicker. Sind wir alle ein Volk von Ignoranten? Nein, sind wir nicht. Im Gegenteil, Deutschland ist heute sportlicher als jemals zuvor. Heute sind fast dreimal so viele Mitglieder in Sportvereinen aktiv, wie noch vor 40 Jahren. Der Breitensport hat zugenommen, wir bewegen uns weit mehr als früher im Rahmen sportlicher Freizeitgestaltung. Eine Vielzahl von Studien widerlegt mittlerweile die gängige Lehrmeinung, dass die heutige Gesellschaft eine faule Bande von Couchpotatoes ist. Wir sind sportlicher als je zuvor, auch unsere Kinder bewegen sich laut einer Langzeitstudie nicht weniger als noch vor 50 Jahren. Trotzdem werden sie immer dicker. Auch der Lebenswandel eines Industriemenschen kann nicht für sein Gewichtsproblem zur Verantwortung gezogen werden. Ein Forschungsteam unter der Leitung des Anthropologen Herman Pontzer vom Hunter College in New York fand kürzlich heraus, dass Angehörige des ostafrikanischen Jäger- und Sammlervolkes der Hadza, die heute noch wie ihre Vorfahren in der Savanne leben, im Durchschnitt nicht mehr Kalorien verbrennen als Büroangestellte. Das Märchen vom bewegungsfaulen Zivilisationsopfer hat ausgedient, es ist widerlegt. Doch warum lässt sich die Seuche des Übergewichtes nicht aufhalten, warum überrollt sie uns wie die Pest im Mittelalter?

Amerikanische Forscher haben nun durch eine schier endlose Liste von Studien Beweise genug gesammelt um ihre Anklage zu formulieren: der Zucker ist schuld. Er ist, ähnlich wie Alkohol und Nikotin, wie Heroin und Crack, eine süchtige machende Droge mit verheerenden Konsequenzen für unseren Organismus. Das Problem an dieser Droge: sie ist allgegenwärtig. Nicht nur in Schokolade und Gummibärchen lauert sie, Zucker ist aus der modernen Lebensmittelindustrie nicht mehr wegzudenken. Seitdem es „in“ ist, fettreduziert zu essen und die „Low-Fat“-Produkte die Supermarktregale dominieren, haben sich die Lebensmittelkonzerne auf die Suche nach einem anderen Geschmacksträger gemacht – und ihn im Zucker gefunden. Seitdem ist Zucker überall. In Streichkäse und Wurst, in Soßen und Dips (allein in 100g Ketchup über 30 Gramm!), in Salzstangen und Fertiggerichten, in Limonaden, Brötchen und Milchprodukten. Der durchschnittliche Konsum liegt bei sagenhaften 36 Kilo Zucker für jeden Deutschen pro Jahr – und dabei sind Fructose, Glucosesirup oder andere Vettern und Tanten des Industiezuckers noch nicht berücksichtigt. Tendenz steigend, denn die Gier des Menschen nach Zucker ist in seinen Genen angelegt. Und mit der Babynahrung fängt es an. Bereits Babybrei ist voll mit der weißen Droge und fixt die unschuldigen Kinder an.

Zucker ist eine Substanz, die in dieser Form in der Natur nicht vorkommt. Bestimmte Früchte jedoch sind süß und damit reich an Fruchtzucker. Ist eine Frucht in der Natur sehr süß und nicht bitter, adstringierend oder scharf, so ist dies meistens ein Signal dafür, dass sie essbar und reich an Kalorien, also Energie, ist. Unsere Instinkte und die hormonellen Reaktionen unseres Körpers sind noch immer an die Mechanismen der Evolution angepasst. In der Frühzeit der Menschheitsgeschichte waren reife Früchte oder ein Honignest jedoch bei weitem nicht die Regel. Fand man sie zufällig, so machte es durchaus Sinn, sich damit voll zu stopfen, denn ein derart ergiebiger Kalorienlieferant war eine absolute Seltenheit. Süßes zu essen löst kaum Sättigungsgefühle aus, ganz im Gegenteil. Zucker macht Appetit auf mehr.  Der Körper hat sich im Laufe der Evolution Tricks und Mechanismen einfallen lassen, um soviel Zucker in sich aufnehmen zu können wie nur irgendwie möglich. Dazu gehören zwei grundlegende Prozesse: Zucker löst die Ausschüttung von Glückshormonen aus und wirkt direkt auf das Belohnungszentrum im Gehirn. Zucker erzeugt im Gehirn die gleichen Aktivitätsmuster wie Suchtdrogen oder Sex. Gelangte ein Steinzeitmensch an eine Zuckerquelle, so stimulierte ihn sein Nervensystem nur zu einem einzigen Verhalten: Iss, iss mehr, iss soviel du nur kannst! Einen biologischen Mechanismus, eine Art inneres Stoppsignal das uns daran hindern könnte, zuviel Zucker zu essen gibt es nicht. Der Mensch ist darauf programmiert Süßes in sich hinein zu stopfen soviel er nur kann – und er kann fast unendlich viel Zucker essen.
Zu diesem Zweck hat nämlich das Verdauungssystem für den Zucker eine Art „Sonderfahrbahn“ eingerichtet. Zucker muss sich nicht hinten anstellen, Zucker hat immer Vorfahrt. Man kennt das Phänomen: nach einem üppigen 3-Gängemenü kann man pappsatt sein, so dass kein einziger Scampi mehr reinpasst – aber ein süßes Dessert geht immer noch. Anders als Fette, Eiweiße oder komplexe Kohlehydrate, die im Darm zunächst aufgespalten und verdaut werden müssen, gelangt Zucker bereits mit der Mundschleimhaut direkt ins Blut. Da der Zucker auf direktem Weg in die Blutbahn gelangt, steigt der Blutzuckerspiegel rasant an. So schnell, dass der Körper eine blitzschnelle hormonelle Reaktion einleitet. Insulin wird ausgeschüttet, es sorgt dafür, dass der überflüssige Zucker schnell wieder aus der Blutbahn entfernt wird. Durch den Stoffwechsel wird der Blutzucker in Fett umgewandelt und in den Fettzellen abgespeichert. Der Weg des Zuckers vom Mund in die Fettzellen ist so effizient und schnell, selbst reines Fett kann da bei weitem nicht mithalten. Es ist unmöglich, durch Fett im Essen so schnell an Körperfett zuzulegen, wie durch Zucker, weil der Stoffwechsel ganz und gar darauf ausgelegt ist, Zucker und kurzkettige Kohlehydrate wie weißes Mehl oder Stärke schnellstmöglich zu Fettreserven umzubauen.

Der Grund dafür, dass wir in den letzten 50 Jahren also immer fetter geworden sind, bis Fettleibigkeit mittlerweile sogar die Hauptursache für schwere Krankheiten wie Herzinfarkt, Diabetes, Schlaganfälle und Krebs geworden ist, ist die nahezu unendliche Verfügbarkeit von Zucker und einfachen Kohlehydraten im Essen. Das war von der Evolution nicht vorhersehbar. In der Natur sind einfache Kohlehydrate praktisch nicht vorhanden. Fast jede Kohlehydratquelle, die es in der Natur gibt, hat nur einen relativ geringen Anteil von Kohlehydraten. Wilde Getreidesorten sind hinsichtlich ihres Stärkegehaltes im Vergleich zu modernen Industriezüchtungen geradezu armselige Kohlehydratzwerge – aber sie strotzen vor gesunden Ballaststofen, Vitaminen und Mineralien. Kohlehydrate in ihrer reinsten Form – Zucker – sind in der freien Wildbahn ein nahezu unbekanntes Phänomen. Bezogen auf diese Situation, dass Kohlehydrate ein extrem leicht verdaulicher aber sehr, sehr seltener Energielieferant sind, machte es in der Evolution durchaus Sinn, sich daran zu überessen. Selten genug ergab sich eine solche Gelegenheit.

Heute hat sich das Blatt gewandelt. Durch industrielle Züchtung und Raffination machen Kohlehydrate heute den Großteil unserer Ernährung aus. Kohlehydrate und Zucker sind allgegenwärtig und jederzeit in fast beliebiger Menge verfügbar. Daran ist der menschliche Körper aber in keiner Weise angepasst – und wird deswegen auch schwer krank davon. Doch die Lebensmittelindustrie hat ein großes Interesse daran, Zucker praktisch allem beizufügen, was sie produziert. Mit Zucker schmeckt alles besser, scheint es. Tatsächlich löst Zucker im Gehirn lediglich einen „Fressreflex“ aus. Die Lebensmittelkonzerne haben diesen Mechanismus zwar nicht gerade wissenschaftlich erforscht, haben ihn in Untersuchungen und Studien zum Verbraucherverhalten jedoch schon vor langem entdeckt. Die Verbraucher aßen umso mehr von einem Produkt, je mehr Zucker es enthielt. Mit dem Resultat, dass die Konzerne den Zucker zu ihrem wichtigsten Verbündeten im Kampf um Marktanteile gemacht haben. Je mehr Zucker sie ihren Produkten zufügten, desto mehr davon wurde konsumiert und desto höher der Gewinn.

Heute ist die Zuckerlobby die einflussreichste Macht in der weltweiten Ernährungs- und Gesundheitspolitik. Mit aller Kraft stemmt sie sich gegen Regelungen und Empfehlungen, die den Zuckerkonsum begrenzen wollen, es geht um Milliarden. 165 Millionen Tonnen Rohzucker, das entspricht einem Marktwert von über 80 Milliarden Euro, werden weltweit jedes Jahr verarbeitet. Dagegen ist die Tabakindustrie ein lächerliches Groschengeschäft. Der politische Einfluss dieser Milliardenmacht ist entsprechend. Doch der Schaden, der durch den süßen Drogenrausch an der Gesundheit der Menschen angerichtet wird, geht ebenfalls in die Milliarden. Allein in Deutschland fallen etwa 60 Milliarden Euro aus den jährlichen Kassenaufwendungen auf die Behandlung von Folgekrankheiten aus Übergewicht und Fettleibigkeit. Der vernunftorientierte Appell an eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung hat aber keine Chance auf Erfolg, solange gesunde Ernährung durch die Lebensmittelindustrie in jeder Hinsicht sabotiert wird. Es ist nahezu unmöglich, dem Zucker aus dem Weg zu gehen, da er praktisch jedem industriell erzeugten Nahrungsprodukt beigefügt wird. Die einzige Chance liegt wohl darin, der gefährlichen Droge mit den gleichen Waffen den Kampf anzusagen, wie es auch schon bei Alkohol und Tabak erfolgreich war: mit Steuern, Gesetzen und Verboten. Eine Zuckersteuer könnte sich so als win-win-Konzept herausstellen: Lebensmittel mit Zucker werden für den Normalverbraucher damit einfach zu teuer, um sich damit langsam aber sicher zu vergiften. Die unverbesserlichen Zuckerjunkies jedoch leisten dann einen finanziellen Beitrag zur Behandlung der Krankheiten, die sie durch die süße Droge bekommen. Gut essen kann man auch ohne Zucker – und bleibt trotz eines genussvollen Lebens schlank.

Zuckergehalt von Lebensmitteln
(Quelle: Zuckerliste der Dt. Gesellschaft für Ernährung, 5. überarbeitete Auflage, 2003, Beispiele: Änderungen von Rezepturen vorbehalten)

Milchprodukte, speziell für Kinder
Danone Fruchtzwerge        ca. 15,0g Zucker /100g
Ehrmann Früchtetraum        ca. 17,5g Zucker /100g
Zott Monte                 ca. 14,7g Zucker /100g
Milchgetränke & Milchspeisen
Danone Actimel Drink Vanille        ca. 16,2g Zucker /100g
McDonald´s Milchshake Vanille        ca. 13,3g Zucker /100g
Andechser BioJoghurt Himbeer/Vanille     ca.15,0g Zucker /100g
Desserts
Mousse au Chocolat            ca. 50g Zucker /100g
Getränke
Coca Cola                    ca. 100g Zucker /1l
Frühstücksflocken /Cerealien
Dr. Oetker Vitalis Knusper Grains    ca.     27g Zucker /100g
Kellogg´s Cornflakes Vollkorn        ca. 22g Zucker /100g
Nestlé Nesquik Knusperfrühstück    ca. 38,9g Zucker /100g
Dr. Oetker Vitalis Knuspermüsli        ca. 24,3g Zucker /100g
Kinderschnitten
Kinder Milchschnitte             ca. 27,0g Zucker /100g
Nesquik-Snack                 ca. 32,5g Zucker /100g
Süße Brotaufstriche
Nutella                    ca. 50g Zucker /100g
Soßen
Ketchup                    ca. 20-28g Zucker /100g